IV.9. Tendenz und Wirkung

Von den zwischen 1933 und 1945 erschienenen historischen Romanen können 54 aufgrund ihrer Publikumswirksamkeit dazu herangezogen werden, Aussagen über eine allgemeine Tendenz des Genres zu liefern. Zehn Romane davon kann man als typisch nationalsozialistisch bezeichnen, während jeweils ungefähr genausoviel auf die ideologischen Untergruppen, die völkische Blut- und Boden-Ideologie - zehn - und den militanten Nationalismus - elf -, entfallen. In acht Romanen wird ein meist religiöser Konservatismus vertreten, der sich, obwohl er zum Teil gegen das System gerichtet ist, eher systemstabilisierend auswirkt. Ein ausgeprägtes Obrigkeitsdenken und vor allem die, dem nationalsozialistischen Imperialismus genehme, Abendlandideologie ermöglichen diese Rezeption. Fast völlig frei NS-Ideologemen sind immerhin 15 Romane, sie besitzen von einem nationalsozialistischen Standpunkt aus bestenfalls Unterhaltungswert, indem sie sich dem allgemeinen Interesse an der Vergangenheit anschließen. Von diesen elf Romanen wird in einem halben Dutzend eine versteckte, aber zum Teil grundsätzliche Kritik an den herrschenden Zuständen geübt. Diese Kritik wird immer von einer bürgerlich-humanistischen, meist christlichen Position aus vorgenommen, sie richtet sich gegen den brutalen Heroismus, die Unterdrückung im eigenen Land und die kriegerischen Expansion.

Dieses Verhältnis ändert sich stark zugunsten der herrschenden Ideologie, wenn man nur die Romane auswählt, die schon bis 1945 eine Auflagenhöhe von mindestens 50 000 erreicht haben. Unter den verbleibenden 35 Romanen verbessern die nationalsozialistischen mit acht, die völkischen mit acht und vor allem die dem militanten Nationalismus zuzurechnenden historischen Romane mit zehn ihren Anteil. Der Anteil der verwendbaren konservativen Romane bleibt mit vier Titeln gleich, während nur noch fünf der erfolgreichen historischen Romane frei von NS-Ideologemen sind, wobei nur in Langewiesches "Königin der Meere" versteckte, aber deutliche Kritik am System geübt wird. Diese deutliche Veränderung zugunsten systemkonformen Romane ist gewiß ein Ergebnis der NS-Literaturpolitik, da die entfallenen Romane dann nach 1945 die entsprechenden Auflagenhöhen erreichen.

Ganz verschwunden sind die preußisch-konservativen Romane, in der Tradition Ganghofers oder Schreckenbachs. Selbst Autoren, die einen patriarchalischen Obrigkeitsstaat propagieren, verraten, entweder wie Klepper und Bergengruen mit der Beschreibung von Führerfiguren oder Bäumer und Le Fort mit ihrer Reichsmystik, den Einfluß neuerer Ideologien. Die Romane, die weiterhin an einem patriarchalischen Gesellschaftssystem festzuhalten versuchen, sind meist bestimmt durch das Scheitern der Helden(648). Intakte patriarchalische Systeme sind nur noch mit literarisch völlig antiquierten Formen und im totalen Rückzug ins Private darstellbar, wobei auf Geschichte und Bezug zur Realität verzichtet werden muß.

Eine starke Veränderung zeigt sich auch auf dem Gebiet der, in der Weimarer Republik sehr beliebten, religiös-innerlichen Romane. Der Rückzug in mythischen Bereiche der Seele, wie zum Beispiel bei Scholz, ViesÜr, Diehl und Hesse ist nur noch als Ausnahme möglich. Ansonsten werden Mythos und Religion politisiert. In den Romanen von Klepper, Bergengruen und Seidel wird das Christentum in den Dienst von Staat und Obrigkeit genommen, bei Beumelburg, Gmelin und Kolbenheyer dient es der Illustration nationalistischer und völkischer Trivialmythen, während es für Autoren wie Le Fort, Schneider und Weismantel zur letzten Bastion gegenüber einem totalitären und inhumanen System wird.

Die Tendenz der nach 1933 erschienenen historischen Romane wird noch durch die Neuauflagen älterer Romane bestätigt und verstärkt. Unter diesen 34 Romanen machen völkische Blut- und Boden-Romane mit sechszehn Titeln den größten Teil aus, fünf kann man den militanten Nationalismus zurechnen und zwei kann man als nationalsozialistisch bezeichnen. In acht Romanen dominiert konservativ-monarchistisches Gedankengut und nur in dreien wird, meist von christlicher Seite, eine humanistische Position bezogen. Das starke Übergewicht der völkischen Romane erklärt sich mit deren langer Tradition. Von den vier meistverkauften historischen Romanen, deren Auflagenzahlen selbst die der beliebtesten nationalsozialistischen historischen Romane weit hinter sich lassen, sind zwei Vertreter der völkischen Blut- und Boden-Ideologie, während in zweien ein heroisch-nihilistisches Kriegertum propagiert wird, was sie zu Vorläufern des militanten Nationalismus macht(649).

Daß Antisemitismus kein ausreichendes Kriterium zum Bestimmung nationalsozialistischer Literatur sein kann, wird durch die untersuchten historischen Romane besonders deutlich (650). Positive Judendarstellungen entfallen nun zwar vollständig, antisemitische Anspielungen finden sich jedoch nur in vier erfolgreicheren Romanen, wovon allerdings nur Jelusichs "Traum vom Reich" zur Rassenhetze übergeht(651). Jelusich hat aber schon 1934 in seinem Roman "Hannibal" einen semitischen Führer verherrlicht; der Führerkult ist auch ihm wichtiger als die Rassenlehre.

Betrachtet man, einschließlich der Neuauflagen, die 69 während des Dritten Reichs meistverkauften historischen Romane, so wird der überwältigende Erfolg der NS-Literaturpolitik erkennbar (652); mehr als zwei Drittel - 49 - kann man dem Nationalsozialismus direkt oder seinen ideologischen Untergruppen zurechnen, fünfzehn vertreten einen Konservatismus, der fast immer ohne Schwierigkeiten vereinnahmt werden kann, und nur in fünfen ist eine bürgerlich-humanistische Position erkennbar, die zwar nicht im Interesse des Systems sein kann. die aber auch als eine Art neuromantischer Geschichtsbetrachtung rezipiert werden kann (653).

Die Anpassung des einst von neuromantischer Gegenwartsflucht, wilhelminischen Obrigkeitsdenken und völkischen Mittelstandsutopien bestimmten Genres an die Bedürfnisse des Propagandaapparates erfolgt allerdings nicht durch Wiederholung von bereits Vorhandenem, sondern macht grundlegende Veränderungen notwendig. So wie die religiöse Innerlichkeit in rassistische Mythen und das patriarchalische Idyll zum militaristischen Führerstaat verändert wird, verliert auch das völkische Mittelstandsmodell an Boden gegenüber den totalitären Staatsvorstellungen nationalrevolutionärer oder nationalsozialistischer Prägung. In der nationalsozialistischen Rezeption kämpfen Dahns Goten und Löns' Heidebauern nicht für eine Kleinbürgeridylle, sondern bieten sich als ausgezeichnetes soldatisches Material an. Die innerhalb des Genres postulierten "ewigen Werte" werden dabei zu leeren Schablonen, die der Ausrichtung des Lesers auf die gegenwärtigen Ziele des Staates dienen.

© Frank Westenfelder


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